Wie ich Heilung in der Kunst fand und eine neue Version von mir entdeckte
- 30. Apr.
- 8 Min. Lesezeit
Kindheit ohne Vater
Im Sommer 65 werde ich in einem kleinen Dorf in Ostdeutschland als Tochter in eine
Familie hineingeboren, die nur aus Frauen besteht. Praktisch ist das weibliche Liebe,
aufgesogen mit der Muttermilch. Das ist für mich so: Meine Mama geht als
Verdienerin jeden Tag arbeiten, in Schichten. Also ist sie mal da und mal nicht da.
Das ist für mich normal, denn ich kenne es ja nicht anders. Meine Uroma, die ich
Oma nenne, kümmert sich den ganzen Tag rührend um mich. Ich erinnere mich
noch, dass wir gemeinsam auf der Treppe unseres Hauses sitzen. Sie hat nur
schwarze Kleidung an (ich nicht!) und wir sehen dem Leben auf der Straße zu. Rote
oder blaue Traktoren fahren vorbei, beladen mit Kartoffeln, Mais, Heu oder Stroh. Die
Freiwillige Feuerwehr übt gegenüber von unserem Haus für Brandfälle. Kinder
rennen herum, fahren mit ihren bunten Fahrrädern oder lauten Rollschuhen auf der
Straße. Nachbarinnen kommen mit prall gefüllten Einkaufstaschen vorbei, grüßen
freundlich oder winken.
Meine Oma Martel nenne ich Mutti, weil das Wort Uroma für meinen kleinen Mund zu
schwierig ist und ich zu meiner Uroma ja schon Oma sage.
Mutti geht auch arbeiten, sie putzt beim Dorfarzt die Praxis. Manchmal kommen auch
Freunde oder Bekannte zu Besuch, wie die Postfrau Irmgard, die immer so leckeren
Kuchen oder Buchteln mitbringt, oder Tante Else oder Tante Liesel, die so komisch
sprechen.
Der Doktor und seine Frau sind unsere Freunde und besuchen uns häufiger zum
Kaffeetrinken oder einmal, weil ich starke Bauchschmerzen habe und Mutti denkt, es
wäre der Blinddarm. Er ist es zum Glück nicht.
Im Nachbardorf wohnen meine Tante (die Schwester meiner Mama) und ihre Familie.
Das sind Onkel Richard, Rena und vier Kinder: Kerstin, Frank, Romy und Heiko.
Nun habt ihr erst mal eine Ahnung, wie es bei uns so ist. Alles normal. Denke ich
jedenfalls.
Ich wachse behütet und geliebt auf, es mangelt mir an nichts. Als ich zwei Jahre alt
bin, ist meine Omi einfach weg. Wohin?? Alle weinen, also weine ich mit. Sie kommt
auch nicht mehr wieder. Ich bin traurig und verkrieche mich unter dem Couchtisch.
Aber irgendwann komme ich wieder raus, weil es ja so viel zu entdecken gibt. Ich
bekomme Buntstifte und Papier und entdecke meine Liebe zu Farben. Leider habe
ich kein Bild mehr von damals.
Manchmal bekommen wir auch mit der Post ein Westpaket. Ohh… wie das duftet,
wenn es geöffnet wird. Darin sind Kleidung, Schokolade, Kaffee und Seife. Das ist
ein Festtag. Bei uns im Konsum gibt es auch Kaffee, Seife und Schokolade, aber die
will ich nicht, das riecht und schmeckt nicht gut.
Es gibt jetzt etwas Neues für mich:
Ich habe ein Brüderchen bekommen. Mama hat
mich gefragt, wie es heißen soll, da habe ich „Charlie Brown“ gesagt, weil er auch so
eine große Nase hat.
Wenn er größer ist, kann ich mit ihm spielen. Bis dahin bin ich ganz viel draußen und
spiele mit Nachbarskindern Cowboy und Indianer, mache Schatzsuche im Wald,
klettere auf Bäume oder fahre Rollschuhe (orange mit grünen Rädern, nicht die
schönen schnellen, wie manch andere sie haben).
Als ich in die Schule komme, höre ich zum ersten Mal die Worte von anderen
Kindern: „Du hast ja keinen Vater, du kannst nicht mitreden!“ Mein Bauch kribbelt
ganz komisch, als wäre da ein Knoten drin.
Ich habe nichts gesagt, weil ich das bisher nicht mitbekommen habe. Wie blöd muss
man sein???
Ich frage meine Mama, wo mein Vater ist oder ob ich keinen habe.
Sie antwortet: „Du hast einen Vater, aber wir lieben uns nicht mehr. Er hat jetzt eine
andere Familie.“ Diese Antwort muss reichen, obwohl sie komisch ist. Ich nehme das
so an.
Manchmal bin ich schon traurig, wenn andere von ihren tollen Erlebnissen mit ihrem
Papa erzählen oder von Reisen, die sie mit dem Auto unternommen haben. Anne
zum Beispiel fährt jedes Jahr mit ihrer Familie in die Hohe Tatra. Da ist es bestimmt
toll. Ich will nicht neidisch sein, aber das ist gar nicht so einfach. Deswegen nehme
ich mir oft meine Stifte oder den Tuschkasten und male, was mir so in den Kopf
kommt. Einen Vorteil hat das auch noch: es macht Spaß und ich habe in Kunst
immer eine 1 in der Schule.
Irgendwann, ich weiß nicht, in welchem Jahr, habe ich gerade Geburtstag. Ein Mann
kommt mit seinem Moped zu Besuch, eine grüne Simson S50, die so schön knattert.
Er gratuliert mir und überreicht mir einen Blumenstrauß.
Ich bin äußerst verwirrt. Meine Mama sagt dann: „Das ist dein Vater!“
Peng. Das sitzt. (Aber was will der fremde Mann von mir?)
Das spielt sich auch in den nächsten Jahren so ab: Ich habe Geburtstag, er kommt
mit dem Moped, wir unterhalten uns ein wenig und er fährt wieder. Immer noch
komisch…
Das war meine Kindheit.
Raus aus meinem falschen Leben
Als ich älter wurde, begann ich, Fragen zu stellen nach meiner Herkunft, den
weiteren Verwandten, den Opas und Uropas, die es nicht gab.
Dabei klaubte ich mir Stück für Stück die Krümchen an Wahrheit zusammen, die mir
gegeben wurden: Meine Familie stammt aus Sudetendeutschland und wurde 1945
vertrieben. Meine Mutti war mit Kinderwagen, zwei kleinen Mädchen und ihrer
kranken Mutter unterwegs an ein ihr unbekanntes Ziel, das irgendwer für sie
beschlossen hatte. Mit Güterwaggons, Leiterwagen (wenn sie Glück hatte), oder zu
Fuß. Start: Tetschen-Bodenbach bis in den Kreis Wittenberg.
Mein Urgroßvater fiel im Ersten Weltkrieg und mein Großvater verstarb im Zweiten
Weltkrieg bei Leningrad.
Wenn ich Mutti nach ihren Erinnerungen an ihre Vertreibung befragt habe, sagte sie
nur: „Es war schwer, wir mussten viel laufen, wir hatten Hunger.“
Die gesamte Tragweite dessen erschloss sich mir erst vor einigen Jahren, als ich
Bücher dazu las, in denen es um Familienschicksale ging, um den Krieg und die
millionenhaften Vertreibungen danach. Viele der meist ohne Männer reisenden
Frauen wurden ausgeraubt, verprügelt oder vergewaltigt. Menschen starben an
Hunger und blieben einfach am Straßenrand liegen. Somit war es Glück, dass meine
Oma mit ihren Lieben es schaffte, am Ziel anzukommen.
Ich will das nun nicht weiter ausführen, nur so viel: Auch dann war das Leben nicht
leicht, denn Deutschland musste 16 Millionen Vertriebene unterbringen. Rund jeder
fünfte Mensch in Deutschland war ein Vertriebener. In einer Zeit, in der Essen und
Wohnraum nach dem Krieg mehr als knapp waren, wurden die Neuankömmlinge
abwertend als Flüchtlinge, Polacken oder Rucksackdeutsche bezeichnet.
Meine Oma hat nie wieder geheiratet und wird als meine Mutti immer in meinem
Herzen bleiben.
Ich wollte es richtig machen und eine intakte Familie haben. Ich wollte Mann und
Kinder. Das bekam ich auch: zwei Töchter und einen Mann. Leider kannte ich die
heutzutage bekannten „Red Flags“ nicht und mein Mann stellte sich im Laufe der Zeit
anders dar als erhofft.
Zuerst freundlich, hilfsbereit, unterstützend, aber nach und nach wob er ein dichtes
Netz um mich, entfernte mich von Freunden und „meiner“ Familie. Er machte mich
unsicher und mein Lächeln erstarb. Eigentlich bin ich fröhlich, selbstbewusst und
unterhaltsam. Aber ein Narzisst schafft es, dass du dich schuldig fühlst, nach außen
den Schein wahrst und dich nach innen zurückziehst. Du bist für alles verantwortlich
und zweifelst schon selbst an dir.
In dieser Zeit erinnerte ich mich daran, dass das Malen mich abgelenkt und mir
immer Kraft gegeben hatte. Deswegen kaufte ich mir Farben, Pinsel und Leinwände.
Wenn schon, dann wollte ich auch richtig malen. Mein erstes Bild sollte ein
Blumenbild werden- mit grünen Stielen und farbigen Blüten. Ich malte, malte und war
echt im Flow. Innererhalb von 2 Stunden war die Leinwand fertig. Aber ich war
wirklich erstaunt, was ich darauf erblickte. Nichts von Blumen und Stielen. Ich hatte
ein Unterwasserbild in Grünschattierungen mit Pflanzen und Luftblasen gemalt…
Das Malen und die Beschäftigung mit meinen Töchtern gaben mir seitdem Halt und
Kraft, um mich nicht in dem ganzen Ärger zu verlieren.

Allein mit meinen Töchtern...
war ich viel im Garten und in der Natur unterwegs, was
ohne meinen Mann immer aufbauend war. Ohne dass ich mich verstellen musste,
nicht zu freundlich zu anderen Menschen zu lächeln. Einfach Spaß haben und ich
sein. So wie meine Freundin Steffi, deren Mann sie immer unterstützte und jeden
Quatsch mitmachte, meine Freundin Angela, deren Mann sie auf Händen trug.
Irgendwie hatte ich kein gutes Händchen bei der Partnerwahl. Das Gute: Meine 2
Mädels. Die hätte ich ohne ihn nicht gehabt.
Im Grunde meines Herzens wusste ich nach 15 Jahren Ehe schon, dass ich nicht
immer mit ihm zusammenleben möchte. Aber ich fand immer wieder Gründe, warum
es jetzt gerade nicht geht, ihn zu verlassen. Angefangen von: Unser Kind soll die
Schule erst fertig machen, ich komme allein nicht klar, ich habe nicht genug Geld, bis
zu: Wer soll sich dann um die Hasen und Meerschweinchen kümmern?
Ich fühlte mich allein, leer und kraftlos.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich mich im Spiegel betrachtete. Nicht,
weil ich mich schminken wollte, sondern tiefer. Mein Ich. Und was ich da sah,
erschütterte mich. Ich fragte mich ehrlich: WER ist diese Frau, die mir da aus dem
Spiegel entgegenblickt??? Das kann unmöglich ich sein!? Ich bin freundlich, fröhlich,
selbstbewusst.. Die Frau im Spiegel war das nicht..
Irgendwann traf ich mich mit meiner Freundin in Palermos Eisdiele, wo es das für
mich weltbeste, echt sizilianische Eis gibt. Wir redeten endlich mal Klartext und jede
berichtete der anderen von ihrer Misere. Meine Freundin war entsetzt, weil unsere
Familie nach außen als Vorzeigefamilie wirkte. Als sie mir berichtete, dass sie ihren
Mann verlässt, um noch einmal eine neue Liebe zu finden, sah ich einen Silberstreif
am Horizont
Ich begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und entwickelte einen Plan:
erst Wohnung finden und dann die Eröffnung, dass ich ihn verlasse, dann sehen wir
weiter. Helfer würde ich schon finden. MUT!!
Aber dann starb seine Mama. Von einem auf den anderen Tag war sein Leben in
Stücke zerbrochen. Seine Mama liebte er mehr als mich, das war mir irgendwann im
Laufe meiner Ehe bewusst geworden. Also schob ich das Vorhaben noch sechs
Monate auf, suchte aber heimlich nach einer Wohnung. Nach 20 Fehlversuchen fand
ich eine, die zu mir passte.
Bei der Besichtigung der Wohnung öffnete mir die bisherige Mieterin die Tür. Ich sah
einen offenen Flur, das Wohnzimmer mit großer Fensterfront in Richtung Elbe und
wusste: Das ist sie, meine Freiheit!!! Ich hätte alles gegeben, um diese Wohnung zu
bekommen- es klappte zum Glück auch so. Dann hatte ich heimlich viel zu tun, er
durfte das ja nicht merken. Auf jeden Fall plante ich eine Atelierecke in meiner
Wohnung.
Ich bestellte mir ein neues Bett, einen Kühlschrank und eine Waschmaschine zum
gleichen Liefertag. Farben, Leinwände und Staffelei brachte ich als Erstes heimlich in
mein neues Heim. Obwohl ich aus einem Haus mit Garten NUR in eine Wohnung
zog, wäre das nie ein Grund gewesen, es nicht zu tun.
Weil sich das allein zwar gut anfühlte, aber irgendwie noch nicht ausreichte, nutzte
ich mein aus schamanischen Büchern erworbenes Wissen und führte im Wald- dort,
wo keiner so schnell hinkommt und ich häufiger mit Energien gearbeitet hatte- ein
Lösungsritual durch. Ich schnitt alle Verbindungen zwischen uns mit einem
imaginären Messer ab und sorgte dafür, dass nicht ein Fitzelchen davon zurückblieb.
Dann erst teilte ich meinem Mann mit, dass ich ausziehe und legte den Ehering vor
ihn auf den Tisch… Er war am Boden zerstört. Aber ich war frei.
Neue Wege...
Meine ältere Tochter war beim Studium und die jüngere Tochter zog mit mir in die
neue Wohnung. Aller Stress fiel von mir ab und ich konnte endlich genügend
schlafen und wieder frei atmen. Ich konnte wieder ohne Bewertung malen, mich mit
Freunden treffen und alles selbst entscheiden. Das Malen war inzwischen für mich zu
einer großen Kraftquelle geworden und ich hatte mit der Zeit viele neue Techniken,
das Mischen von Farben, den Verkauf von Bildern und vieles mehr gelernt und hatte
außerdem Verbindungen zur Kunstszene geknüpft.
Den Kontakt zu meinem Noch- Ehemann schränkte ich danach weitestgehend ein
und zog nach einem Jahr in eine andere Stadt. Ich reichte die Scheidung ein und war
nach drei Jahren auch rechtlich frei.
Die Kraft, von der ich nicht gewusst hatte, sie zu besitzen, lässt mich heute viele
Dinge anders sehen und ich weiß, es ist wichtig, für sich selbst einzustehen.
Weil ich viele Jahre als Künstlerin tätig war, kann ich heute voller Energie
Unternehmer unterstützen. Ich mache Unbewusstes sichtbar, übersetze Worte in
Farben und Bilder und bringe ihre Zukunftsvision auf Leinwand.
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